"Marco W.
Meine 247 Tage im türkischen Knast"
Rezension
Einleitung
Medienstar
So ungefähr stelle ich mir Biographien von Popstars vor. Oder auch von Möchtegern-Popstars. In diesem Falle natürlich wider Willen.Der Vergleich passt also nicht ganz. Er ist vielleicht sogar zynisch. Er ist aber wahrscheinlich ein gutes Verkaufsargument. Er ist ein gutes Verkaufsargument sowohl für das Buch als auch für den Häftling Marco W. während seiner Untersuchungshaft im türkischen Knast. Und außerdem ist das Medieninteresse - neben der Liebe der Familie - eine Art Infusion für den Lebenswillen der Person Marco Weiss.
Zu Beginn nach einigen Worten zum Familienurlaub schildert Marco die Vorgänge jener Nacht vom elften auf den zwölften März 2007, die ihm später als Missbrauch bzw. als Vergewaltigung ausgelegt werden sollten. Die Darstellung wirkt nicht besonders aufregend, offenbart eher eine gewisse Naivität, wie Marco selbst einräumt.
Stil
Auch der Stil des Buches wirkt recht kindlich, die Sätze sind kurz und einfach strukturiert. Unterstützt wird dieser Eindruck noch dadurch, dass das Buch im "Hamburger Kinderbuch Verlag" erschienen ist. Wie der Name schon sagt, bringt dieser Verlag Kinderbücher heraus - Bücher für Kinder. Und nun noch ein Buch von einem Kind, wenngleich Marco bei Erscheinen des Buches bereits volljährig ist.
Der kindliche Stil spiegelt allerdings durchaus den Inhalt des Buches. Sobald man sich unschuldig in Untersuchungshaft wähnt, noch dazu in einem Land, dessen Landessprache man nur bruchstückhaft spricht, hängt die geschilderte kindliche Hilflosigkeit nicht mehr vom biologischen Alter ab. Insofern ist der kindliche Stil gar kein Nachteil oder Makel des Buches, sondern er passt zu den im Buch offen gelegten Gefühlen.
Prozess und Zellenleben
Dolle Details waren unabhängig vom tatsächlichen Geschehen sowieso nicht zu erwarten. Bei Erscheinen des Buches läuft der Prozess gegen Marco noch. Die bisherigen deutschen Verteidiger Marcos haben ihr Mandat kurz nach Erscheinen des Buches niedergelegt. Ob und inwieweit dies mit im Buch enthaltenen kritischen Aussagen über Gericht und Strafvollzugsanstalt in Zusammenhang steht, ist mir allerdings nicht bekannt.
Dem Titel des Buches entsprechend schildert Marco im überwiegenden Teil des Buches sein Überleben in der Zelle. Dieser Teil handelt von den hygienischen Verhältnisse, der Enge, der Hierarchie unter den Gefangenen, aber auch von Hilfsbereitschaft und Beistand, den eigenen Gefühlen von Verzweiflung, Hoffnung, Enttäuschung, Ungewissheit...
Fazit
Insgesamt schwankt man beim Lesen zwischen einem Gefühl von Voyeurismus und Erleichterung, die geschilderten Details mangels praktischer Erfahrung nicht vollkommen nachvollziehen zu können.
Vielleicht musste Marco das Buch schreiben. Um die oben erwähnte Mischung von Gefühlen zu empfinden, kann man das Buch denn auch durchaus lesen. Oder aber wegen des ein oder anderen Details aus Marcos Privatleben.
So ist das ja auch bei Biographien von Popstars.